Über die Runden kommen in Memphis

Memphis Summer Ave Flea Market
Samstagmittag auf dem Flohmarkt in Memphis‘ Norden. Die Sonne brennt, aber zum Glück weht eine leichte Brise.

Shoppen gehen, nicht in der Fussgängerzone sondern im Second-Hand-Laden um die Ecke, das gehört für viele kunst- und kulturbegeisterte junge Menschen in Deutschland dazu. Gerne wollen sie sich damit von der Maße der Konsumenten abheben, etwas Individuelles finden. Gebrauchtes kaufen ist zu einem Lifestyle geworden – Vintage ist angesagt.

Keine Sorgen um ihre Individualität machen sich die Menschen, von denen diese Geschichte erzählt. Sie handeln mit gebrauchten Waren, um sich ein zusätzliches Einkommen zu erarbeiten, das gerade so zum Leben reicht. Sie wohnen in Memphis, im amerikanischen Bundesstaat Tennessee – einer Stadt mit der höchsten Armutsrate der Vereinigten Staaten.

Memphis, Tennessee – Europäern der jüngeren Generation wird nicht viel in den Sinn kommen, wenn der Name der amerikanischen Südstaaten-Stadt fällt. Mit den Südstaaten verbinden wir vielleicht noch Mississippi-Dampfer-Fahrten und heiße Tage auf der Veranda. Zu Memphis – der größten Stadt im Bundesstaat Tennessee mit etwa 600.000 Einwohnern – fällt uns weniger ein. Jetzt schreien Musikliebhaber laut auf: „Memphis! Das ist die Stadt von Elvis!“ Ja, der King of Rock and Roll hat hier gelebt, er ist in Memphis gestorben und auf seinem Anwesen Graceland begraben. Ein großer Teil des Tourismus in Memphis zehrt vom Erbe des King. Und Memphis hat nicht nur Elvis. Auch andere Musikgrößen wie Jonny Cash oder Ike und Tina Turner haben hier ihre musikalischen Wurzeln. Memphis nennt sich Geburtsstadt des Blues und beruft sich dabei gerne auf Größen vergangener Tage.

Die soziale Schere ist weit offen

Aber Memphis ist auch eine Stadt mit großen sozialen Unterschieden. In den Vororten Germantown und Collierville wohnen mitunter sehr wohlhabende Familien. Auch in Memphis selbst gibt es Straßenzüge mit Wohnhäusern, die an griechische Tempel oder französische Schlösser erinnern. Aber nur einen Block davon entfernt, sind die Fenster eines kleinen Bungalows mit Spanplatten vernagelt. In den Straßen von Memphis können Passanten innerhalb weniger hundert Meter die Extreme der amerikanischen Gesellschaft sehen.

Diagramm Poverty Line Memphis
Die Armutsrate ist in Memphis im Vergleich zum Bundesstaat Tennessee und dem gesamt-amerikanischen Durchschnitt extrem hoch.

In Memphis leben etwa drei von zehn Bewohnern unter der Armutsgrenze. Damit belegt Memphis in allen statistischen Vergleichen der Armutsrate vordere, einstellige Ränge. Im Ranking statistischer Metropolregionen (MSA) belegt Memphis sogar den ersten Platz mit der höchsten Armutsrate.

In den Vereinigten Staaten gilt nach Definition des US-amerikanischen Ministeriums für Gesundheitspflege und Soziale Dienste als arm, wenn man als Alleinstehender im Jahr weniger als 11.670 Dollar verdient. Zum Abgleich: ein Burgerbrater verdient in Memphis im Jahr etwa 15.000 Dollar.

Auch wenn die Zahl derer, mit so geringem Einkommen in Memphis im bundesweiten Vergleich sehr hoch ist – es sind längst nicht alle sozialen Gruppen gleich betroffen. In Memphis ist die Prozentzahl an Kinder, die unter der Armutsgrenze leben deutlich höher als die Prozentzahl der Senioren. Fast jedes zweite Kind gilt in Memphis als arm.

Rentner sind weniger stark von Armut betroffen

Unter Senioren ist die Armutsrate dagegen um einiges geringer. Etwa jeder achte Memphianer über 65 Jahre gilt als arm. Das liegt laut Elena Delavega, Assistenzprofessorin am Lehrstuhl für Sozialarbeit der Universität Memphis, an der finanziellen Unterstützung, die Rentner vom Staat erhalten.

Armutsrate in Memphis nach Herkunft
Die Armutsrate bei Memphianern mit lateinamerikanischen Wurzeln steigt seit einigen Jahren an. Sie liegt deutlich über dem Durchschnitt.

Aber nicht nur verschiedene Altersgruppen sind unterschiedlich schwer von Armut betroffen. Auch Hautfarbe und Herkunft entscheiden über das Einkommen. Die Zahl der weißen Memphianer, die unter der Armutsgrenze leben, sinkt seit einem Peak 2009 stetig. Mittlerweile liegt sie unter 10 Prozent. Dagegen steigt die Zahl, der von Armut betroffenen Latinos beständig an. Fast die Hälfte aller Memphianer mit lateinamerikanischen Wurzeln lebt unter der Armutsgrenze. Auch die Armutsrate der schwarzen Bevölkerung liegt knapp zehn Prozentpunkte über dem Durchschnittswert für Memphis.

Die Zahlen zeigen, wie groß die sozialen Unterschiede zwischen vielen Bewohnern in Memphis sind. Menschen mit sehr geringem Einkommen, haben hier häufig  afroamerikanische oder lateinamerikanische Wurzeln. Um mit wenig Geld trotzdem irgendwie über die Runden zu kommen, müssen diese Memphianer kreativ werden. Eine Möglichkeit sich ein kleines, zusätzliches Einkommen zu schaffen, sind Flohmärkte. Hier findet man am Wochenende nicht die Ärmsten der Armen – die meisten hier haben noch einen oder mehrere Jobs – aber feilschen um 25 Cent und Ausverkauf zum Preis von einem Dollar gehören dazu. Einer der größten Flohmärkte dieser Art findet jedes Wochenende auf dem Parkplatz eines verlassenen Bowling Centers im Norden von Memphis statt.

Der Flohmarkt an der Summer Avenue gründet sich auf einen Trauerfall. Die Schwiegermutter von Kathy Muns‘ Bruder war gestorben und die Familie musste das Haus leer räumen. Den gesamten Hausrat lagerten sie im verlassenen Bowling Center ein. „Dann kam mir die Idee, die Sachen einfach direkt hier vor der Tür zu verkaufen,“ sagt Kathy Muns – eine freundliche Mittfünzigerin. Der Vermieter der Lagerräume hatte nichts

Summer Avenue Flea Market Memphis Second Hand
Kathy Muns organisiert den Imperial Market an der Summer Avenue.

dagegen. Kathy und ihr Ehemann Bobby bauten am Wochenende auf dem Parkplatz ihren Verkaufsstand auf. Und es kamen nicht nur Schnäppchenjäger. Das Ehepaar wurde häufig gefragt, ob sich auch andere Verkäufer mit einem Stand zu ihnen stellen könnten: „Wir geben euch auch 10 Dollar dafür.“ Die Idee für einen regelmäßigen Flohmarkt war geboren. In den vergangen vier Jahren kamen immer mehr Händler dazu.

Einkaufen auf Yard Sales, verkaufen auf dem Flohmarkt

Dieses Fühjahr sind besonders viele Händler hier. „Wir haben jetzt zum ersten Mal alle Stellplätze verkauft,“ meint Kathy Muns. Neben den Verkäufern mit lateinamerikanischen Wurzeln, gibt es einige afro-amerikanische Händler, die vor allem gebrauchte Kleidung und Schmuck anbieten.

Amanda, die sich mit dem großen Schirm vor der Mittagssone schützt, verkauft Spielzeug. „Früher habe ich vor allem Klamotten verkauft, aber die muss man ständig waschen und sauber halten, das lohnt nicht,“ sagt Amanda. Die Spielzeuge kauft sie auf Yard Sales – kleinen, privaten Flohmärkten im Hof von Einfamilienhäusern. Die rollenden Plastiktelefone und bunten Bauklotztürme dürfen im Einkauf aber nie mehr als fünf Dollar kosten – sonst kann Amanda sie nicht mehr mit Gewinn weiterverkaufen.

Summer Avenue Flea Market Memphis Second Hand
Amanda verkauft Kinderspielzeug. Damit sich das lohnt, muss sie auf jeden Dollar achten.

„In allen Spielzeugen sind heute Batterien drin, die muss ich dann noch zusätzlich kaufen. Aber im Ein-Dollar-Laden gibt es vier Stück für einen Dollar. Das ist ok,“ sagt Amanda. Ihre Gewinnspanne ist so klein, dass sie sich jeden Kauf ganz genau überlegen muss. „Mit dem Geld, das ich hier verdiene, kann ich meine Kabel-TV-Rechnung bezahlen, das hilft schon,“ sagt Amanda.

Nicht mehr jeden Cent zwei Mal umdrehen, müssen die Verkäufer im Cleveland Street Flea Market. Vor zwei Jahren hat eine hippe Galerie aus Midtown-Memphis die Flohmarkt-Halle gekauft. Die Händler teilen sich ihren Verkaufsraum jetzt mit einem Kunstausstellungsraum. Seitdem kommen auch wohlhabendere Leute in die Flohmarkt-Halle. „Es ist gut, dass ich nicht mehr Türsteher spielen muss, und Obdachlose rauswerfen muss,“ sagt Doris. Sie arbeitet seit ziemlich genau zehn Jahren in der Flohmarkt-Halle. Bevor sie in Rente ging, war sie in der Personalabteilung einer Firma mit fast 40.000 Mitarbeitern angestellt. „Ich wollte einfach nicht zu Hause sitzen, deshalb bin ich hierher gekommen,“ sagt Doris. Und sie hat nicht nur eine neue Beschäftigung gefunden, sondern auch neue Freunde. „Wir sind hier wie eine große Familie, wir kümmern uns umeinander. Wenn einer von den Verkäufern krank ist, schicken die anderen eine Karte,“ sagt Doris.

Nicht alle bewerten die Veränderungen der vergangen beiden Jahre ausschließlich positiv. Miss Maddy hat fast seit Anfang an einen Verkaufsstand in der Flohmarkt-Halle. Seit vierzehn Jahren kommt sie an den Wochenenden in die Cleveland Street um ihre Blechdosen zu verkaufen. „Die dänischen Dosen mit den Butterkeksen, das sind mir die liebsten,“ sagt Miss Maddy und zieht eine Dose aus dem Regal. Sie nimmt die Nächste. „Ist die nicht schön?“ fragt Miss Maddy. So geht das mit jeder einzelnen Blechdose, die sie aus dem Regal nimmt und vorzeigt. Ihr liegt einfach an jeder einzelnen etwas.

Miss Maddy Flea Market Cleveland Street
An jedem Finger mindestens einen Ring und in der Hand eine Blechdose, die ist für Miss Maddy besonders wertvoll.

Die Dosen, den Schmuck und die Haushaltswaren, die sie in ihrem Stand verkauft, bringt sie entweder aus ihrem sowieso für all die Sachen zu kleinen Einzimmer-Appartment oder Miss Maddy kauft sie in anderen Second-Hand-Geschäften. Ihre Gewinnspanne ist dabei nicht besonders groß. Umso mehr war sie überrascht, als sie erfuhr, was aus einer kleinen Brosche wurde, die Miss Maddy an eine Künstlerin verkauft hatte. „In der Galerie hatten sie ein Projekt, dafür musste jeder Künstler ein Stück von uns Händlern im Flohmarkt kaufen. Mir hat eine junge Frau eine Brosche abgekauft. Ich habe zwei Dollar dafür genommen,“ erzählt Miss Maddy. Einige Wochen später hat sie erfahren, dass die Künstlerin die Brosche für 100 Dollar wieder verkauft hat. Miss Maddy sieht die Künstler, die in der Flohmarkt-Halle zu ihren Nachbarn wurden, deshalb als zu große Konkurrenz. „Die meisten Leute kaufen nur noch dort ein,“ sagt Miss Maddy. Dabei bietet die Flohmarkt-Halle eine große Auswahl an verschiedensten Dingen. Da ist Roger, der gebrauchte Computer verkauft und Sheryl, die Hüte schneidert. Natürlich gibt es viele gebrauchte Klamotten, Schuhe und Handtaschen, aber nur Dolores verkauft besondere afrikanische Stücke. Nichts kaufen, sondern einfach nur Kaffeetrinken kann man im  Midtown-Kaffee direkt in der Flohmarkt-Halle. Nicht einmal zum Haareschneiden muss man, die Halle verlassen, denn einen Barbershop gibt es auch. Ihre Liebe zu Kaffee und Tee möchte Sandy gerne weitergeben. Aber eigentlich hat sie noch einen größeren Traum: ein eigenes Kaffeehaus.

Egal wie klein das Geschäft auch ist, das der Flohmarktverkäufer auf dem Parkplatz der verlassenen Bowling Halle betreibt, er berichtet stolz davon. Der knapp 10 Quadratmeter große Verkaufsstand in der Markthalle in der Cleveland Street erlaubt sogar zu träumen.

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